Von Rauch, Schimmel und Zombies

Dieser Rauch, ich sehe ihn jeden Tag. Er ist immer da, und sieht immer anders aus. Morgens ist es zu dunkel um ihn wahrzunehmen, Nachmittags ist er manchmal orange und unglaublich kitschig. Manchmal unterstreicht er die Schmuddeligkeit dieser kaputten Stadt.
Eigentlich ist er weiß, meistens aber grau. Er ist immer da und ich frage mich oft woher er kommt. Was wird in dieser Fabrik hergestellt, die solche Abgase erzeugt? Ist es guter Dampf, oder schlechter Rauch? Ist es bloß Wasser, oder eher oxidierte Kohle?

Und warum habe ich das Recht die Kohle als schlecht abzustempeln?
Das Kraftwerk liegt direkt an einer großen Straße, Menschen bevölkern sie. Sie rennen da unten rum. So selbstbezogen, aber das scheint nur so. Ich weiß, Jeder denkt etwas Anderes. Alle haben ein Ziel, das sie zieht. Hoffe ich.
Und über ihnen schwebt der sich unermüdlich verändernde Abfall der riesigen Produziermaschiene neben ihnen.
Verseucht das Grau ihre Lungen, Herzen? Vielleicht kommt daher manchmal dieser leere Nebel in meinem Kopf und diese fiese, klebrige Müdigkeit.
Hat der Mann dahinten eben gehustet? Ich stelle mir vor, wie schimmliger blauer feuchter Wasserdampf in seine Lunge durch das
neben ihm geöffntete Fenster dringt, sich an den Verzweigungen festsetzt und ein Pilz beginnt zu sprießen.
Schon in seiner Nase müsste es anfangen. Unsichtbar erfreut der Pilz sich eines neuen Nährbodens. Klettert frohen Mutes die Luftröhre des Mannes herunter. Wie an einer Leiter springt er von Knorpelwölbung zu Knorpelwuchs.
Das letzte Bisschen bis zur Lunge rutscht er voller Erwartung hinunter.
Der Pilz sticht in die Verzweigungen der Lunge und jetzt hat er auch schon das erste Lungenbläschen zerquetscht.
Ich lege den Kopf schief, sehe den Mann an.
Er kratzt sich am Hals.
Ich stelle mir vor, wie der Pilz in den folgenden Tagen und Wochen den Mann übernimmt und seine Lunge soweit intakt lässt, dass der Mann geradeso nicht stirbt, währenddessen dringt er in den Magen ein und dann schließlich auch in das Gehirn.
Dünne Fühler schwimmen in der Magensäure. Sie saugen alles auf. Der blaue Wasserdampfpilz ist dem Mann zu Kopf gestiegen, hat sein Denken übernommen. Der Mann hat nach einigen Tagen Zuhause plötzlich ungehörigen Appetit auf nahrhaftes, saftiges Fleisch.
Der Pilz sieht durch die Augen des Mannes die noch jungen Arme an, die Haut straff darüber gespannt. Um seine merkwürdigen Gedanken von seinem eigenen Armen fernzuhalten lenkt der Mann sie auf Beine.
Von Hühnern. rohe Beine. Alles in ihm zieht sich zusammen.

Er kann nicht mehr warten und reißt mit seinen Zähnen ein großes Stück aus seinem eigenen Arm. Das wollte er zumindest. Er
muss aber doch etwas fester reißen, als erwartet.
Gekochtes Hähnchen ist eben doch etwas leichter zu essen, als die Arme eines mitte 20 Jährigen, stellt er fest. Praktischerweise hat der Pilz alle unnötigen Hirnareale vorher verinnerlicht. Das Schmerzgefühl, zum Beispiel.

Sowas unnötiges! Als erstes mal die Produktion der Botenstoffe für Schmerz abstellen. Mit Produnktionen und abstellen, fressen von Dingen hat der Pilz etwas Erfahrung, das war schließlich seine Ersterscheinungsstätte. In einer Produktionshalle.
Nachdem der Mann also das Meiste des Arms verschlungen, das letzte bisschen Verstand verloren hat und der Pilz die Nährstoffe aus Gehirn und Armteilen extrahierte, stellt er die Sinnfreiheit seines Unterfanges fest. Warum sich selbst zerstören, wenn da draußen auf der Straße so viele Fleischkloppse herumirren? Der Pilz lenkt den Mann, noch etwas unbeholfen, nach draußen..
Die Steuerung ist aber auch wirklich verbesserungswürdig!
Der Pilz hat ein paar Synapsen zu viel gefressen, der Mensch funktoiniert nicht mehr so richtig, seine Arme, oder gut, sein einzelner Arm schlackert unmotiviert an der Seite herum. Der Pilz macht sich auf die Suche nach einer Menschenmenge.. er wird fündig, taucht in einer Gruppe alkohlisierter Menschen unter, die ähnliche Verhaltensweisen wie der 20-jährige Mann mit ungewöhnlichem Pilzbefall zeigen und schwimmt mit ihnen auf ein rosafarbendes Gebäude zu.
So folgte der Pilz im Alexa-Shoppingcenter in Berlin seinem Überlebenstrieb.

Der Mann hustet noch einmal und holt mich in die Bahn zurück. Eine Frau schlägt genervt das Fenster zu, ich muss aussteigen.

Das sind meine nachmittaglichen Gedanken gewesen, ich muss mit der Bahn nach Hause fahren und das erzeugt nunmal Gedankengänge. Besonders wenn es so voll ist, und der Sauerstoff knapp wird… langsam verdrängt der Kohlenstoffdioxid das geliebte o2.. Tschuldige. 🙂

+~Plus

3 Gedanken zu “Von Rauch, Schimmel und Zombies

    • dankesehr. Das ist eine dieser Geschichten, die harmlos anfangen, und die mir dann doch immer wieder in Richtung Apokalypse abrutschen. Ich weiß nicht wieso, aber mein Gehirn verlangt nach Zombies.

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