Die Welt voller Blinder

Eine Tür knallt. Ich öffne die Augen. Schiele. Blinzel. Ich schiele immernoch, so langsam sortieren sich meine Augen. Diese Beine, die an meinem Körper festgettackert sind sehen von hier oben so dünn aus. Ich bin nicht sicher, ob ich sie bewegen kann. Es muss doch jemand durch die Tür hereingekommen sein? Hoffentlich will er nicht vorbei, dann müsste ich meine Beine wegziehen. Sie würden nicht von allein bei mir bleiben, ich müsste sie festhalten ich weiß nicht ob ich das schaffe. blinzel.
Ach so, er ist durch die Tür gekommen. Jetzt steckt er einen Schlüssel in das Stück Pappe. Sie haben hier einen anderen Namen dafür. Sie nennen es Tür. Ich stehe auf, bevor ich darüber nachdenken kann, wie unmöglich das ist. Ich trete ein. Lasse mein Last fallen, und bahne mir meinen Weg durch ein Meer aus Stühlen zum Fenster. Ich löse die Stecknadel, die es an der Wand hält und davor bewahrt herunter zu fallen.
Dumme Idee. Das Fenster demonstriert mir, wie wichtig die Stecknadel für seine Existenz ist und ich akzeptiere seine Einwände. Während ich versuche es wieder in einen statischen Zustand zu montieren schreit mich mein rechtes Schiebein an, dass es gerade durch etwas Fensterähnliches zerschmettert wurde, und das ich mich gefälligst um es kümmern soll. wart mal kurz.
Die beiden Liebenden – Stecknadel und Fenster- sind wieder ineinander gesteckt, bleiben zufrieden und wo sie sind. Ein Dunst aus Kohlenstoffdioxid umfängt mich wieder und versetzt mich in die Trance der Gehirntoten. Durch den Nebel wanke ich zu meinem Stuhl, sinke nieder, registriere mein wimmerndes Schienbein und sperre seine Klagelaute aus.

Diesen Raum werde ich für die nächsten Sunden nicht mehr verlassen. Ich sollte mich hier wohlfühlen, oder? Aber stattdessen tun es die Marder über meinem Kopf. Ihnen geht es hier gut. Tagsüber schlafen sie, atmen vorgekaute Kopfluft. Nachts heben sie die Deckenpappplatten an und schlemmen sich durch die vergessenen umhergeschmissenen Essenüberreste. Manchmal schaffen sie es nicht ganz, dann bleibt etwas liegen. Und nach einiger Zeit beginnt es zu leben.
Ich sollte mich hier Wohlfühlen. Stattdessen tun es die anderen. Ich komme morgens hier her. Und dann warte ich. Vor der Tür. Auf meinem Stuhl zusammengekauert. Ich halte meine Beine fest, sonst würden sie wegrennen. Lege meine Arme auf den Tisch, klebe sie mit gestreiftem Klebeband fest, sonst würden sie all die Pappe zerreißen und am Ende mich. Nichts würde von dem Gebäude übrig bleiben.
Ich trinke warmen Tee. Dann sind da Menschen, die Fragen stellen. Ich rede.
Der Amokläufer wollte es doch nicht. Er hat nur sein Klebeband vergessen. Sie spricht. Ich schreibe etwas auf. Es ist Wichtig. Bestimmt, oder? es ist doch wichtig, oder? es ist wichtig, dass ich hier bin, oder? Es ist wichtig, dass ich hier warte, oder?
Sie verstehen es noch nicht.
Der Selbstmörder hat es verstanden, er hat es nur nicht verstanden sich richtig vor sich selbst zu schützen. Die Wahrheit vor sich zu verbergen. Das muss man schon können. Alle müssen wissen, wie man seine Augen verschließt. Wenn sie leben wollen, müssen sie ihre Münder zubetonieren. Das weiß ja sogar ich! Wir verstehen es alle, keiner will es wissen.
Wir kommen her, um zu warten.
Wir gehen und warten, bis wir wieder herkommen müssen.
Wenn wir Glück haben, ist da eine Person, mit der wir warten können.
Kann ich nicht meine Zeitleiste ein bisschen verschieben? Kann ich nicht ein bisschen vom Anfang wegschneiden und das Bild wieder zurecht rücken? Der Ton passt nämlich nicht so ganz. Alles ist verzerrt. Die Menschen bewegen ihre Münder, aber ich verstehe erst kurz später was sie sagen. Ich starre diesen alten Mund an. Der Mann hat eine Frau, weiß ich. Aber er ist so alt! Wie kann man jemanden so altes küssen? Ich werde nicht so alt werden. Ich werde nicht so lange warten. Irgendwann ist mein Klebeband alle.

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