Klippenhängerin

Ich häng‘ grad an dieser Klippe.
Und weiß, dass ich diese Haltung (an den Fingern über einem Abgrund baumelnd) nicht mehr lange durchhalten werde.
Ich könnte versuchen, den Rucksack fallen zu lasseen, aber dazu müsste ich zuerst eine Hand loslassen, und das ist vermutlich keine so gute Idee.

Wenn ich jetzt versuche mich hochzuziehen, würde ich abrutschen. Naja, das Adrenalin würde schon ein bisschen helfen, krafttechnisch. Aber Fakt ist, ich war noch nie gut in  Klimmzügen. Außerdem sind meine Hände schwitzig. Und, wenn ich oben bin, ist da immer noch dieses… Tier.

Warum genau hab ich das nochmal gemacht? Warum hab ich mein Leben aufgegeben, um hierher zu kommen? Ich bin noch nichtmal irgendwo hin gegangen, wo es wirklich schön ist. Sondern Hierher. Mein Leben war gut! Ich hatte einen Job, der mich über die Runden brachte, ich hatte einen Freund, der mich in der Zeit zwischen Arbeit und Schlaf ab und zu  glücklicher stimmte. Ich hatte alles was ich brauchte. Freunde und so. Geld und so. Liebe und so.

Ich glaube, ich bin gegangen, weil ich mich langweilte. Aber ehrlich, welche Art von Abenteuer wollte ich denn bitte?!
Naja, irgendwas… spannendes. Aber nicht SOWAS! Irgendeine art von drei-Fragezeichen-Abenteuer. Oder was Neues sehen. Raus aus dem Trott. Aber nicht so sehr raus aus dem Rhythmus wie ich jetzt bin.
Ich hänge jetzt hier nämlich schon mindestens fünf Minuten, und meine Finger werden meinen Körper, plus alles, was ich für überlebensnotwendig hielt nicht mehr lange halten.

Schon ein bisschen witzig, dass die Dinge, die mir das Leben in der bergigen Einöde erhalten sollten, mich in den Tod reißen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für makabere Scherze. Für die absurde Ironie des Lebens.
Also lässt mich mein Adrenalin zuerst leicht schmunzeln, dann muss ich kiechern. Dann denke ich, dass das bestimmt ein gutes Foto wäre, eine Frau mit einem riesigen Rucksack hängt von einem Felsvorsprung, über ihr ein Ungetüm von Lebewesen. Und sie lacht. Einfach so. Man könnte daraus bestimmt auch Werbung machen, vielleicht für Rücksäcke? Oder für den Tierschutz? Oder sowas in der Richtung. Ich lache jetzt laut dem Tod ins Gesicht, aber es scheint ihn nicht zu stören. Meine Situation ändert sich nämlich annähernd überhauptnicht.

verdammt, reiß dich mal zusammen, denk ich. Das könnten alles deine letzten Gedanken sein, also denk was cooles!

Ich sehe das große schnüffelnde Tier an, dass mich in diesen Abgrund getrieben hat. Einem so mächtigen Tier so nah zu sein- das hat was. Die Augen dunkelbraun. Das Fell wäre bestimmt weich. Obwohl. Vielleicht auch eher stachelig.
Naja, ist ja auch egal, ich sterbe sowieso gleich. Es tut mir ein bisschen leid, um alle die ich gekannt habe. Und naja, er wird sich halt ein anderes Mädchen suchen müssen. Aber er ist ein großer Junge. Und nachdem er etwas getrauert hat, wird er wieder hoch kommen. Der schafft das. Da bin ich sicher.

Ich gucke nochmal nach unten. Ganz, ganz tief unter meinen (unmotiviert in der Luft schwingenden) Füßen sehe ich einen Streifen Wasser. Wenn ich Glück habe, spekuliere ich, falle ich in dieses Wasser da unten und wenn ich ganz viel Glück habe, dann ist der Fluss megatief. Und wenn ich soar noch mehr Glück habe, dann sterbe ich nicht beim Aufprall und auch nicht, wenn ich Unterwasser gedrückt werde. Sondern einfach garnicht. Das wär cool.

Was waren eigentlich meine letzten Worte? Ich glaube ein „AHHHH!“. Als ich vor dieser Bestie weggerannt bin. Und dann nochmal, als mich mein Gepäck nach hinten gerissen hat  und ich hingefallen bin, erinnere ich mich.
Ich habe im Gegensatz zu sehr vielen Menschen allerdings die Macht über meine letzten Worte, dann kann ich die bleibende Zeit ja auch noch nutzen um mir welche auszudenken. Wenn ich auf so spektakulär unedle Weise sterbe, dann will ich auch nette letzte Worte haben. Ich könnte sowas sagen, wie „ich fürchte dich nicht, Monster!“, oder „Ha! Ich lebe noch“ oder „na warte, ich komme wieder!“ aber das sind alles so basics… Trotzdem brülle ich spuckesprühend:“NA WARTE, MONSTER! WIR SEHN UNS IM JEHNSEITS!“ Es scheint nicht sehr beeindruckt. Ich schäme mich ein bisschen.

Nach ein paar Momenten des überlengens denk ich, dass die Muse bestimmt nicht zu Leuten kommt, die grad am sterben sind, vielleicht hat sie Angst, man könnte sie mit in den Tod reißen. Ich würde auch niemanden küssen, der kurz vorm abkratzen ist.

Meine Finger tun inzwischen ziemlich weh. Das Tier schnüffelt an ihnen. Es stinkt aus dem Maul.
Vielleicht fallen mir ja noch gute letzte Worte beim stürz nach unten ein.
Ich lasse los.

Und schreie, „ICH FALLE NICHT, ICH FLIEGE!“

dann schähle ich mich aus meinem Rücksack.

„Nagut,Vielleicht falle ich doch…“

„AHHHHHH!“

„FUUCK, ICH WILL NICHT STERBEN!“

„SCHEI?E“

Letztendlich belasse ich es dann aber doch beim Klassiker.

„AHHHHH!“

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