Tristan, der schönste Knochenhaufen Berlins

Das Naturkundemuseum ist mein Lieblingsmuseum.


Es gibt dort all diese wunderschönen stillen Dinge. Diese toten Tiere, die vor so langer Zeit gelebt haben. Diese Libellen aus Stein, so groß wie Spielzeugflugzeuge zum Fernsteuern. Es gibt diese halbgeheimen Räume, von Schummerlicht erstrahlt, mit den Gesteinsbrocken. Und mit den verstaubten Preparaten aus längst vergangenen Tagen in Vitrinen aus zerkratztem Hochsicherheitsglas.
Ich hoffe zumindest, dass es Hochsicherheitsglas ist, denn diese Kohlenstoffschätze sind wervoller als jeder Haufen Gold. Weil, einmalig. Es ist faszinierend, dass vor mir Knochen aufgebart sind, die vor unsagbar langer Zeit (beziehungsweise Millionen von Jahren) Muskelüberzogen umhergetragen ein Tier aufrecht hielten. Es ist faszinierend, dass dieses tote Tier gelebt hat, vor so langer Zeit. Und, dass es jetzt immernoch vor mir steht, nach all den Jahrhunderte

Deshalb habe ich stundenlang vor dem Tyrannosaurus Rex gestanden und ihn bewundert. Weil er es Wert ist. Und, weil er wunderschön ist.

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Quelle: Berlin.de

Alles an ihm. Sein verästelter Knochenkopf, seine gebrochene Extraknochen-Rippe, sein Spinnenweben überzogener Brustkorb. All seine schwarzen Knochen und die Schatten in den Augenhöhlen, die schon fast den hungrigen Blick ersetzen, der einst aus ihnen glühte.
Ich bewundere ihn, weil er so unwahrscheinlich ist.
Er ist so unwahrschinlich wie ein Lottogewinn, oder noch unwahrscheinlicher.
Doch er trotzte den Jahren, verharrte im Schlamm. Es gebürt ihm Respekt.

Dass ich so nah bei ihm stehen darf, ohne Angst haben muss gefressen zu werden, ist ein Privileg, dass sich so manches Fluchttier zu seiner Zeit gewünscht hätte. Er faucht mich an. Diese Nähe zu meinem Zeitversetzten Todesurteil, birgt Versuchungen in sich…
Ich müsste nur den Arm heben. Nur.. ein kleines bisschen die Finger strecken.
Die Sicherheitsfrau auf dem Stuhl dort in der Ecke.. würde bestimmt nichts bemerken.
Sie weist gerade einem Pärchen mit Anghängsel den Weg zu den Meteroiten.
Ich will ihn nur mal berühren.
Nur mal anfassen.
Was ist schon dabei…

Also tu ich es einfach. Langsam streiche ich über den riesigen Beinknochen. Dort, wo meine Hand jetzt ist, war früher Fleisch und Blut. Fast kann ich die Bewegungen des T-Rex spüren. Wie er jagte. Tödlich. Kraftvoll. Gnadenlos. Unbestreitbar Grazil.
Tristan, du wunderschöner Zeuge der Vergangenheit.

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© Carola Radke

Auch nach zwei Stunden, des hingerissenen Staunens habe ich mich nicht sattgesehen. Ich könnte nie genug bekommen von diesen Knochen. Niemals.
Die Geschichte, die sie mir flüstern ist zu alt, als dass sie jemals enden könnte.
Also komme ich wieder.
Und bestaune die unwiederuflich vergangene Schönheit der ehemaligen Spitze der Fresskette. Wieder und wieder. Und jedes mal entschuldige ich mich aufs neue, dass ich ihm seinen Platz gestohlen habe. Diesem Tier gehört die Nahrungskettenkrone, er hat sie sich mit seinem Körper erkämpft. Er verdiente sie sich selbst. Mit 50 000 Newton hätte er meine Knochen zermalmt, stünde ich vor ein paar Millionen Jahren so vor ihm, wie jetzt. Ein Menschenskelett könnte nie so Eindrucksvoll sein, wie dieses schwarze Wunder.
Wir Menschen sind nur so erfolgreich, weil wir unser Wabbelhirn haben, mit dem wir eine Armee aus T-Rex Maschienen bauen können. Ist es nicht erstaunlich? Nicht die Macht und Stärke und Tödlichkeit selbst haben überlebt, sondern die Fähgkeit Macht Tod zu kreiren.

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