kleines Silvester

Letztes Jahr war ich zu Silvester mitten drin im Geballer. und in den Farbexplosionen.
Ich war schaukeln, im Mauerpark.
laut, bunt, unberechenbar.

Dieses Jahr war das alles etwas anders. Das Riesengeballer bestand aus circa sieben Raketen, die vom ganzen Dorf abgefeuert und bejubelt wurden. Wegen Nebel hat man nur das dumpfe Explodieren der Neujahrsfreude aus den umliegenden Dörfern vernommen, und nichts gesehen.
Heute morgen nachmittag, nach dem aufstehen haben wir auf der Dorfstraße noch ein Partyindiz gefunden.

Ein Konfetto.

die Willensstarke

Sie kracht volle Kanne gegen die Bahn.
Dann schiebt sie ihre Sackkarre wieder etwas weg, rauft sich die zerzausten Haare und setzt wieder auf Koalisionskurs. Schlägt auf den S-Bahn-wagen ein, als hätte er ihr Baby gefressen. Die Scheibe knirscht. Die Frau brüllt, schreit reißt sich an den Haaren, zerkratzt sich ihre Arme. Die Leute in der Bahn schmunzeln leicht, wieder mal eine von diesen verrückten, hach ja ist die Welt nicht schön…
Die Frau zerrt jetzt den blauen Müllsack von ihrem Gefährt, greift sich ihr berolltes Hilfsmittel, hebt es über den Kopf und schleudert es gegen die Scheibe der Bahn. Die Fahrgäste zucken zusammen, und lachen dann auf, es ist ja nur ein Riss, haha lustig, verrückte Leute vandalieren… hahaHAA
Die Bahn fährt immernoch nicht weiter, keine Ahnung was da los ist.
Jetzt zieht die Zerstörungswütige , ihren Wagen weg, fast bis zum weißen Stopp-Streifen auf der anderen Seite des Bahnsteigs und beginnt zu rennen. -Die Fahrgäste schlagen sich auf die Schenkel ganz großes Schauspiel heute- Ihre Blümchenschürze, die mich an meine Ur-oma erinnert hält sie in einer Hand gebündelt fest, sonst würde sie ihre Beine behindern. Für einen Moment sehe ich die Augen der Frau. Sie sind unter den Zotteln kaum zu erkennen, trotzdem sehe ich die Wut, den blinden Hass, die Ausweglosigkeit und die damit verbundene Entschlossenheit das einzige zu tun, was jetzt noch richtig erscheint: Die Scheibe zerbrechen, ins Innere der Bahn gelangen. Nun ja, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein…
Ihre Dreadhaarmatte flattert um ihren Kopf, sie greift sich ihr Metallgestell, rennt die letzten Meter ohne Rockhilfe und kracht ungebremst gegen die Scheibe, Splitter fliegen durch das Abteil, die zwei Menschen, die am Fenster saßen sind sofort tot, Einer hat eine riesige Glasscherbe im Auge, der Kopf des anderen ist einfach nur Blutüberströmt.
Die Leute lachen, johlen und übergeben sich vor ekel.

Die Frau hängt mit durchstochenem Unterleib im Fenster und spuckt Blut, sie kotzt und ringt um Atem. Ihre Waffe ist vor ihr durch die ungewöhnliche Bahnöffnung geflogen und hat jemandem den Schädel eingeschlagen. Sie versucht zu schreien, sich selbst aus den Scherben zu befreien, überall ist Blut. Und es wird nicht weniger.

Dann fährt die Bahn los.

Beatmungsgerät in der Bahn

Was ist das? Ist es ein Radio? Aber wozu dann die Gasmasken?

_____________

Wenn ich nicht mehr weiß wohin, und nicht nachhause kann, setze ich mich normalerweise in die Bahn und lass mich durch die Stadt chauffieren. Heute konnte ich noch nicht klar denken. Und es war zu früh um nach hause zu gehen.
Also ab in die S-bahn.
Los gehts.
Ich setz mich in irgendeine Ecke, lasse alles vorbeiziehen.
Nur, heute war etwas anders. Es waren nicht nur Menschen hier, nicht nur fleckige Polster und leergesoffene Bierflaschen. Neben mir, auf der anderen Seite des Ganges.
Stand eine Tasche. Schwarz. Reißverschluss. Unauffällig. Wichtig. Anziehend.

Weiterlesen »

Schweißverschwörung

Heute war der erste richtig warme Tag.
Aufgefallen ist mir das nicht, weil mir im allgemeinem warm war, weil mir der Schweiß in Strömen den Rücken herunter floss, oder weil ich mir etwas ausziehen musste.
Dass heute der erste  so richtig warme Tag war, wurde mir erst später klar.
Und zwar ganau als ich mich in der Nachhause-Bahn an Leiber drückte, denen warm war, von denen der Schweis floss und die schon jede erdenkliche, gesellschaftlich geradenochso akzeptierte Körperstelle frei gemacht hatten, um die gröstmögliche Transpirationsfläche zu bieten. Die Schwitzer (im Sinne von Schweiß, nicht Schweiz) begrüßten jedes Lüftchen, dass ihre schmierige aalglatte Haut umschmeichelte, mit einem Seufzer.
Durch dieses in-sich-zusammensacken-vor-wonne und hinterher-wieder-aufrichten wurden alle Leute Schweißbrüder und gleichnass und ähnlich duftend.
So wurde ich erfolgreich in den Kreis der angeschmierten aufgenommen.
Irgendwann, als ich genauso triefend wie Nebenmann und Vorderfrau war, wurde mir klar, dass vermutlich nur eine Person schwitzte, die sich ausgerechnet im Zentrum der S-Bahn befand und jede Person um sie herum nicht seinen eigenen Schweiß ausfloss, und mit den Wassern der anderen mischte, sondern wir alle nur den Schweiß dieses einen Individuums weiterleiteten. Deshalb rochen alle gleich und sahen alle so aus, als wären sie bestimmt nicht schuld an dieser Feutigkeitsflut! Das Schweißtreibende Individuum, quasie der Herr aller Überschwemmungen musste sich nicht mal mehr zwingend in dieser Bahn befinden!
Er hätte einfach seiner Wege gehen können und wir ahnungslosen Normalos würden noch ewig seine Wasser zwischen unsereins herumschieben und-tropfen.
Schon wollte ich mich hektisch in Richtung Türen quetschen, um die Menschen vor einer drohenden Katastrophe zu schützen, als ein leises Lüftchen meinen Nacken streichelte und mich zum ganz sanft und anschmiegsam kühl zum bleiben bewegte…

*Seuftz*

Die Tauben von Berlin

warten.früh.morgens
warten.mitte.nachmittags

hab keine Whatsappgruppen zu checken
.keine mails zu lesen.
keine Fingernägel abzukauen
.keine Schuhe zu bestarren.
Ich hab keinen Fehrnseher zu beglotzen
Ich hab keine Werbetafeln anzurotzen
.ich hab keine Menschen anzuschmachten.

Ick hab quasie nix zu tun.

Und desshalb schalte ich das beste Programm ein, dass im Bahnhofs-TV läuft.
Tauben –
tag und nacht.
Flatternd-flüchtig,
neugierig-hüpfend
schreckerfüllt-zurückzuckend
So nehmen sie die Aufgabe der Vertreibung der Langeweile aus den Gedanken der unkreativen, unsozialen Bevölkerungsschicht auf sich.

Und weil ich diese, eine, beste Unterhaltung schon seit Jahren genieße, hatte ich kein Problem damit, als sich ein Pärchen dieser beflügelten Dreckmacher auf meinem Balkon eingenistet hat.
Ja, sie stehen früh auf und sind den lieben langen Tag am kreischen und flattern, um ihren Nachkommen ein nettes Zuhause zu bereiten. Aber sie fliehen doch auch nur vor Stacheldraht auf Sitzstangen und Stahldachstreben.
Also warum ihnen nicht eine Brutstelle geben?

Auf die Zukünftigen Berliner Stadtvögel, die Dreck und Lachen und alte Taubenvergifter glücklich machen.

AG-Stadttauben-Steele
Foto: Tauben aus Essen. Von „derwesten.de“