Prag 3 *Jüdische Schule, Frisbee*

Prag 3

Gestern Nacht bin ich, nachdem ich den Bericht „fertig“ hatte noch zu ein paar Leuten aufs Zimmer gegangen, wo ich ein paar hübsche Krebserregende Eddingtatoos verpasst bekam. Leider unter anderem auch auf noch offene Wunden, die vom Bergabhang kamen, über den ich geschrieben habe. Das brannte ziemlich.
Aber die Hautgemälde gefielen mir und der Mensch, der sie machte war nett.
In diesem Zimmer befanden sich „Bohnenstange“, Tom Sawyer(warum der so heißt, dafür gibt es eine Erklärung, die kommt später.), der Tatooartist oder Melissa (jap, nen Junge, den nennen wir Melissa..) und Koi.

Heute beginnt der Tag früher als die anderen. Halb acht wache ich auf, als die anderen aus meinem Zimmer gerade vom Frühstück zurückkommen. Zeit zu duschen habe ich nicht mehr, da wir schon um acht unten sein sollen. Also ziehe ich mir irgendwas über und frühstücke. Müsli, Brötchen, Milch… das übliche. Das übliche, was ich sonst am Wochenende essen würde. *Luxusfeeling* Ich nehme mir wieder haufenweise Essbares mit, um kein Geld auszugeben, und das funktioniert erstaunlich gut! Letztendlich hab ich heute 20 Kronen bezahlt, und das war für ein Geschenk für wahlweise Mama, Papa, Schwester1,oder Schwester2. Nichts, was ich nicht hätte vermeiden können.

Nach erster Sättigung wieder Bahnfahren, ins Stadtinnere, wo wir auf ein paar Menschen treffen, die uns ihre Schule zeigen wollen. Das besondere ist an dieser Schule, das sie „jüdisch“ ist. Aber man muss weder Jude sein, noch religiös, um an dieser Schule zu lernen, sondern einfach nur 20 Dollar pro Monat bezahlen, meint einer der Schüler. Und man muss (Als Mensch mit Penis) eine Cappy beim Essen tragen. Oder einen Strohhut oder eine Mütze.

Zuerst wird unsere Gruppe auf die Leute dort verteilt, sodass drei von uns sich von zwei von denen erklären lassen, wies da so läuft. Überall stehen Security guards und hängen Kameras herum. Dann gibt’s einen Typ, der in einem dunklen Raum hockt, vor sich Monitore. Er überwacht. Alles.
Ich winke ihm durch eine Kamera zu. Ich hoffe er hat gelächelt.

Nach einem … Kennlehrnspiel machen wir uns auf den Weg. Die beiden Prager Menschen erzählen uns  eine Menge, sind aber auch ziemlich schüchtern. (vielleicht sollte ich mal erklären was „uns“ bedeutet. Damit meine ich im Allgemeinen „Meine Mates“, also so etwas wie Freunde. Dazu zählen M.C. Nugget und M8NR.1. Die Namen haben sie sich mehr oder weniger selbst ausgesucht.)In dieser Schule gibt es kleine Menschen, im Kindergarten und etwas größere, bis zur neunten Klasse, glaub ich. Im Keller gibt es eine Kantine und weil die Schule eigentlich mal ein Wohnhaus war, ist sie umrundet von verärgerte Nachbarn. Das ist den kaputten, zerschossenen Fensterscheiben geschuldet, die wiederum nur existieren, weil es keine richtige Turnhalle, sondern einen Sportplatz draußen gibt. Als Sportraum zählt ein kleiner Raum mit nichts drin, wie uns die Prager erklären.
Den zeigen sie uns aber nicht, keine Ahnung warum, aber wir streifen das Thema auch nur kurz.
Außerdem gibt es einen Gebetsraum, den niemand benutzt und ansonsten sehr kleine Klassenräume, weil es auch nur sehr sehr kleine Klassen gibt. Manchmal nur 4 Leute in einem Kurs. Wir platzen in den Kunstunterricht rein, die Lehrerin wird etwas wütend, erkennt dann aber, dass wir nur mal gucken wollen.
Die Prager erzählen uns, dass sie alles und jeden hasst.
Das gesamte Haus ist vollgestopft mit jeglicher Form von „Kunst“ von Strohalmen, die unmotiviert an einen Wandvorhang geklebt sind, bis zu Bleistiftbildern, die teils Blumenwiese, teils Gesicht sind. Nach einiger Zeit haben die beiden Schüler nichts mehr zu erzählen, und wir beginnen, über belangloses, und später über Serien zu sprechen.
Bei Breaking Bad kommen wir schließlich auf unseren gemeinsamen Nenner.

Trotzdem entschließen wir uns noch in der uns bleibenden Zeit den Markt, in der Nähe zu besuchen. Der soll ganz hübsch sein, berichtet uns die Klassenlehrerin auf Deutsch. Dann fragt sie ihre Schüler, ob sie das verstanden hätten
Haben sie nicht.
Die Lehrerin spricht mit viel Akzent und ich frage mich, ob unsere Englischlehrer früher auch mit so viel Akzent gesprochen haben, und ob ich am Anfang, bevor ich bei meinem Großvater Englischunterricht genommen habe auch mit so stark veränderter Aussprache gesprochen hab. Vielleicht.

Wir gehen also auf diesen Markt. Ich habe immer noch meine 200 Kronen. Und eigentlich will ich sie nicht ausgeben, ich brauche sie für morgen. (Schokoladenmuseum.)
Aber 20 hab ich noch in Münzen. Also kaufe ich eine Kerze, die ich meiner Mutter, aber auch zum Beispiel meinem Vater oder einer meiner Schwestern schenken könnte.
Oder irgendwem. Einfach eine Kerze, doe von Behinderten gemacht wurde. Das ist das Hauptargument, weshalb wir eine kaufen sollten. So scheint es zumindest die Verkäuferin zu sehen.- Obwohl es doch viel schöner wäre, wenn ich die Kerze einfach so kaufen könnte, ohne diese „Werbung“. Denn dass eine Kerze von geistig eingeschränkteren Personen gemacht wurde, sollte kein Kaufkriterium sein. Wir witzeln, dass wenn diese Kerze nicht mega-awesome brennt, werde ich für immer Vorurteile gegenüber geistig kleineren Menschen haben.
Ja, sicher.

Ein Mädchen kommt auch mit unseren beiden Prager Jungs mit und erzählt uns ein paar Dinge über Prag, und über sich selbst. Sie spielt zwei Instrumente, deren Namen ich mir leider nicht merken konnte, aber sie scheinen sehr schwer zu spielen zu sein, und sehr unbekannt.

Sowieso ist mir folgendes aufgefallen:
An dieser Schule laufen eine Menge Menschen rum, die mir extrem kreativ und klug vorkommen. Vielleicht sind sie das auch wirklich. Das könnte daran liegen, dass nur Menschen auf diese Schule gehen können, die auch schon engagierte Eltern haben, denn so eine Schule herauszusuchen und dann noch 20 Dollar pro Monat zu bezahlen… Das ist ein gewisser Aufwand. 20 Dollar erscheinen erstmal nicht viel, aber das rechnet sich. Und einer der Menschen erzählt, dass er sogar nichtmal in Prag wohnt.

Wir laufen zu sechst durch ein paar Straßen. Es ist sehr heiß. Die Sonne glüht auf unsere Nacken, der Teer auf den Straßen, die wir überqueren schmilzt langsam und unbemerkt.

-Tagtraum-

Ich laufe über einen Zebrastreifen, immer auf den Weißen Streifen entlang, denn diese sind hitzebeständiger. Einer meiner Schuhe berührt den geschmolzenen Teer, er klebt fest. Der Straßenbelag beginnt zu wogen. Die Zebrastreifen lösen sich vom Untergrund und dienen mir jetzt als rettende Surfbretter. Ich muss meinen Schuh ausziehen. Er fällt in die flüssigen Massen unter mir und geht sofort in Flammen auf. Er versinkt nicht, berührt nichtmal die Oberfläche, wird einfach vom Rauch und von der schieren Hitze noch über der Oberfläche des schwarzen Meeres geschmolzen und verdampft sofort.

Ich gebe fast die Hoffnung auf, jemals auf die andere Seite zu kommen. Die anderen stehen an die Hauswand geklammert auf niedrigen Fenstersimsen und versuchen sich an Regenrinnen in die Höhe zu ziehen. (Einer der beiden Jungs wird von der Masse erfasst, seine Haut kräuselt sich, er schreit. Ich habe Todesangst.)

Ich laufe fast in einen Zettelverteiler hinein, erwache aus meinen Tagträumen.
Wir sind fast da, dort vorne steht der lustige Securitymann. Ich glaube er ist nett.
Wir sechs gehen unbeschadet in das Gebäude, mehrere Stockwerke in die Höhe und nach links, noch eine Treppe hoch, rechts. In den Stuhlkreis voller komischer kleiner Stühle.
Die sehen so aus wie aus meinem Kindergarten, von früher.
Jetzt sammeln sich die Gruppen wieder und wir laufen die Treppen hinunter, bis in den Keller, essen zusammen zu Mittag. Das ist der Punkt, an dem ich die Sache mit den kleinen Hütchen herausfinde.

Während einige mit Hut so aussehen wie Seemänner, sehen andere einfach nur so aus, als hätten sie den Lappen auf ihrem Kopf dort abgelegt und vergessen.
Ich bin ganz froh sowas nicht zu haben, aber es wäre mir dann vermutlich egal.
Nachdem wir alle relativ gesättigt sind geht’s wieder in die U-Bahn, dann in die Bahn, die auf der Erdoberfläche fährt (ich verwechsele Straßenbahn und S-Bahn immer )
Irgendwann fahren wir einen Berg hoch und eine Frau schwankt, stolpert und fällt auf eine andere rauf, sie hat zum Glück weder sich selbst, noch wem anders etwas getan. Sah witzig aus.

Wir sind da, greifen uns unser Zeug und steigen endlich aus. Nach kurzen Orientierungsschwierigkeiten finden wir einen Weg ins Dickicht über Prag. Als sich eine Lücke auftut müssen erstmal alle Selfies machen. Gibt es Zusammenstellungen von bescheuerten Selfiegesichtern? Es erscheint tausendmal unterhaltsamer, Menschen beim Selfie machen zuzusehen, als selbst welche zu machen, oder sich die fertigen Kunstwerke anzusehen.

Wir finden einen schönen Platz unter Nadelbäumen mit ausreichend Kienäpfeln und piekigen Nadeln, sodass es so richtig schön piekst, wenn man sich hinsetzt.
Einige haben Decken mitgebracht. Aber da darf nur das Essen drauf sitzen.
Wir drapieren uns um es herum und essen zögerlich soviel wir können. Das ist schon das zweite mal, dass wir nichts für das Essen bezahlen müssen, heute. Und es schmeckt sogar gut. Meistens ist der Geschmack eher unerwartet. Zum Beispiel dieser eine Keks, der nach Schokolade aussieht, und nach Hefe schmeckt. Oder dieser Kuchen, der so tut als bestünde er aus sahne, in Wirklichkeit ist es eine Art Vanille-fluff-crem.

Ich spiele mit MC Nugget, M81 und Koi ein Kartenspiel, und danach, nachdem wir so richtig vollgefressen sind,

spielen wir Frisbee. Zuerst nur zu dritt, dann mit vielen Menschen.
Wir erfinden einige special-attacs, mit denen man theoretisch Köpfe absebeln könnte, aber da wir nicht zielen können, macht das nichts.

Tom Sawyer will schon seit längerer Zeit „Ultimate frisbee“ spielen, das ist quasi Frisbee mit zwei Mannschaften, die jeweils eine Ziellinie haben, hinter der die andere Mannschaft den Frisbee fangen muss.

Das hört sich leicht an, ist es vom Prinzip auch, aber es ist verdammt anstrengend!
Einige Leute gehen wieder ins Hostel, irgendwann gehen wir drei auch. Alles, was wir uns vorstellen können zu essen, nehmen wir mit.

Es. Ist. Heiß.

Wir warten an einer Straßenbahnstation (ich hab den Unterschied zur S-Bahn nachgeguckt) und werden gegrillt.

Dann brauchen wir sehr lange zurück.

Aufgrund akuten Schlafmangels nicke ich fast sofort weg. Ich versuche den Bericht anzufangen, aber es geht einfach nicht. Ich bin zu müde, lege mich hin und schlafe durch, bis sechs.

Dann werde ich aufgeweckt. Melissa, der Tatooartist hat in eine Whatsappgruppe geschrieben, dass er gerade „nen bisschen lonly“ ist, also gehen wir ihn besuchen. Auf zum Edding-Man!

Wir quatschen ein bisschen und beschließen gleich grillen zu gehen, zusammen mit Tom Sawyer, Bohnenstange und ein paar andern Leuten.

Das ist dann auch ganz nett, bis auf den Fakt, dass wir auf Beton sitzen.
Irgendwann übernehme ich die Feuerstelle und kotze kurz darauf fast meine Lunge auf den Grill, weil es so sehr raucht und die Funken überallhin fliegen.

Nach und nach gehen die Mitgriller, nehmen immer mal wieder ein bisschen Müll mit, aber am Ende bleibt natürlich trotzdem was übrig. Wir packen alles zusammen, löschen den Grill mit Wasser (ich wollts ja mit Bier machen, aber NOIN! NICHT DAS GUTE BIER! Weiß nicht, wann der das alles getrunken hat..)
Dann laufen wir zurück.

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tschuldige für die Verspätung, aber es fällt bestimmt eh nicht auf, es wartet ja zum Glück Niemand darauf.

~*Plus

Schweißverschwörung

Heute war der erste richtig warme Tag.
Aufgefallen ist mir das nicht, weil mir im allgemeinem warm war, weil mir der Schweiß in Strömen den Rücken herunter floss, oder weil ich mir etwas ausziehen musste.
Dass heute der erste  so richtig warme Tag war, wurde mir erst später klar.
Und zwar ganau als ich mich in der Nachhause-Bahn an Leiber drückte, denen warm war, von denen der Schweis floss und die schon jede erdenkliche, gesellschaftlich geradenochso akzeptierte Körperstelle frei gemacht hatten, um die gröstmögliche Transpirationsfläche zu bieten. Die Schwitzer (im Sinne von Schweiß, nicht Schweiz) begrüßten jedes Lüftchen, dass ihre schmierige aalglatte Haut umschmeichelte, mit einem Seufzer.
Durch dieses in-sich-zusammensacken-vor-wonne und hinterher-wieder-aufrichten wurden alle Leute Schweißbrüder und gleichnass und ähnlich duftend.
So wurde ich erfolgreich in den Kreis der angeschmierten aufgenommen.
Irgendwann, als ich genauso triefend wie Nebenmann und Vorderfrau war, wurde mir klar, dass vermutlich nur eine Person schwitzte, die sich ausgerechnet im Zentrum der S-Bahn befand und jede Person um sie herum nicht seinen eigenen Schweiß ausfloss, und mit den Wassern der anderen mischte, sondern wir alle nur den Schweiß dieses einen Individuums weiterleiteten. Deshalb rochen alle gleich und sahen alle so aus, als wären sie bestimmt nicht schuld an dieser Feutigkeitsflut! Das Schweißtreibende Individuum, quasie der Herr aller Überschwemmungen musste sich nicht mal mehr zwingend in dieser Bahn befinden!
Er hätte einfach seiner Wege gehen können und wir ahnungslosen Normalos würden noch ewig seine Wasser zwischen unsereins herumschieben und-tropfen.
Schon wollte ich mich hektisch in Richtung Türen quetschen, um die Menschen vor einer drohenden Katastrophe zu schützen, als ein leises Lüftchen meinen Nacken streichelte und mich zum ganz sanft und anschmiegsam kühl zum bleiben bewegte…

*Seuftz*