ein neues Nachher pt.B

Früher. Bei mir. Bei Mama, zuhause hab ich auf den Startschuss gewartet. Ich glaube er ist gefallen. Oder ich bin einfach so losgelaufen. Aber rennen tu ich auf jeden fall-.
Ich hab die Star-klappe geklaut, die immer die Kinder kriegen, die nicht mitmachen und sie selbst zusammengeschlagen.

Ich renne.

Mir ist kalt und ich weiß nicht, wo ich anhalten kann. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas gegessen habe. Aber ich weiß, dass zuhause nichts mehr ist.
Es gibt kein zuhause mehr.
Es ist weg. Nein, nur verlegt. Ich bin zuhause. Ich schreibe. Ich paradoxiere.

Die besten Texte schreib ich, wenn es mir nicht gut geht.

Mir geht es nicht gut. Ich renne. Und habe nie gelernt, wie man tief Luft holt. Ich habe noch nicht gelernt, wann und wo ich mich ausruhen kann.
Ich habe nicht gelernt auf meinen Körper zu hören. Er verpasst mir juckende, schuppige Hände und Kniekehlen, um mir zu sagen, dass er nicht mehr kann. Mein Nacken tut weh, ich krieg Kopfschmerzen. Und Nasenbluten.
Aber es geht mir doch gut, oder?
Klar. Klar geht’s mir gut, ehrlich!

Ich habe eine Familie. Ich habe genug Geld. Ich habe Klamotten. Ich habe ein Gesicht, dass ich dazu bringen kann ansehnlich auszusehen. Ich habe einen Kopf, dem Gedanken entspringen können.

Mir geht es gut. Mir geht es gut. Muss ja. Oder?

Körperwirt

Mein Fenster steht immer offen.

Ich mag Wind, im Zimmer.
Kalt ist besser, als stickig.
Und Wind im Zimmer, ist wichtig.

Weil ich im Dach wohne, ist es sowieso nie warm. Ganz gut so.

Nur ist da ein Unterschied zwischen kalt und frisch. Frische Luft muss nicht kalt sein, meine ich. Aber wenn es keine andere gibt, ist sie mir so lieber, als garnicht.
Eigentlich bin ich nen Sommerkind. Garnicht der Typ für kalt, dachte ich.

Dann, als ich neulich zwei Stunden auf den Zug wartete (mit meinem Fahrrad in der Uckermark).
Merkte ich, irgendwann, dass ich fror.
Und, dass ich das mochte.
Mir war zu kalt und mein Körper hatte etwas dagegen, sich auf die Metallbank zu kringeln und einfach abzutreten.

Frieren ist schön.

Ich fühle den Widerstand vom Fleisch. Zittern ist sehr interessant. Am Anfang kann mans noch unterdrücken, dann irgendwann hört man gar nicht mehr auf.

Dann steh ich da wie bescheuert.Und vibriere.

Aus irgendeinem Grund, will mein Körper nicht, was ich will. Er hat fast schon einen eigenen Kopf. Er will essen und ich will kotzen. Ich will stundenlang auf dem Fußboden sitzen und malen, er kriegt davon hummeln im Hintern. Er hat keinen Bock mehr auf schwitzen, wärend ich alles von ihm verlange. Seine Muskeln schreien, ich mache die Augen zu und atme einfach.

Mein Körper ist mein Sklave. Oder ist er eine sie?

Da ist ein Danke angebracht.
Danke, dass du trotz allem noch nicht angefangen hast Zellen mutieren zu lassen, oder mir sonst irgendwie den Weg zu verbauen. Und dass du mir trotzdem gehorchst, auch wenn ich mit dir so viel Scheiße angestellt hab.

Meine Güte, noch nichtmal viele Pickel hattest du.
Nichtmal fett wirst du, von dürr garnicht zu reden.

 

Wirklich,
du bist ein ausnehmbar genügsamer Wirt.

Ich bleibe leider ein überaus garstiger Gast.

 

~*Plus

 

Die Anatomie meines Denkens

In meinem Kopf ist eine Art fester Spaghettisalatklumpen. In diesem Klumpen denke ich Hauptsächlich. Er stimmt mit Ort und Größe mit meinem Gehirn überein.
Dann führt von da aus ein beweglicher Schlauch durch meinen Hals, er beginnt am obersten Ende der Wirbelsäule, verläuft dann gebogen an meinen Stimmenbändern entlang. Aus der Seele sprechen Und wieder nach hinten, zur Wirbelsäule. Auf Höhe der Schulterblätter, vielleicht etwas darunter, breiten sich dann tellerartige, Flügelgeschwülste aus, dann macht der Schlauch einen Schlenker und nach vorne hin ist ein weiterer Spaghettiklumpen. Aber diesmal nicht ganz so fest. Der liegt etwa in meiner Brust. Eher oval.
Dort ist das Schmerzzentrum. Schmerz strahlt, deshalb sind an diesem zweiten Klops Fäden und Tentakel. Wie weit die reichen, weiß ich nicht.
Dann gibt es eine Verbindung zum dritten Haufen. Der besteht nicht aus Spaghetti, sondern ist glatt und liegt im unteren Beckenbereich. Dort entstehen Gefühle. Unabhängig von Bezeichnungen und Wörtern vermischen sich dort meine Empfindungen zu manchmal mehr manchmal weniger exakt benennbaren Wellen, die dann meine Stimmung, meinen Schmerz oder auch mein gesamtes Denken über eine Person oder Sachverhalt verändern können, aber mindestens beeinflussen.

Insgesamt umfasst mein Gedankenbereich höchstens einen Meter. Ich bin glaube ich 1,77 meter groß. Also ist da schon ein ziemlich großer Unterschied von „Seele“ und Körper.

*Körper.

Körper.

Mein Körper ist das einzige, was wirklich mir gehört. Dass mir eigentlich nichts wirklich gehört, ist mir schon länger klar. Aber ich hatte immer meine Hände und meine Beine. Mein Körper gehört zu mir. Dachte ich.

Es hätte vielleicht etwas anders gemacht, wenn ich anders aussehen würde. In meiner Entwicklung, meine ich.. wenn ich einen anderen Körper hätte. Vielleicht wäre ich schüchterner oder bitchiger. Vielleicht wäre ich abgehoben, wenn ich perfekt aussähe. Oder ich hätte noch mehr angst vor Menschen, wenn ich dick, oder pickelig wäre.
Aber im großen, ganzen-würde mich ein Körperwechsel beeinflussen?
Bin ich mein Körper?
Früher hätte ich gesagt. Ja. Ich bin mein Körper. Ist doch offensichtlich, was soll die Frage?! Was auch sonst? Was kann ich biologisch belegbar, noch ich sein? Ich steh auf Biologie. Und wo sollte mein Denken anders lokalisiert sein, wenn nicht in elektrischen Impulsen in meinem Kopf? Ich bin nicht mehr als man sieht. Ich bin nicht mehr, als ich sehe. Nicht mehr. als ich aussehe.

Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich glaube nicht mehr, dass ich wirklich mir gehöre. Und, dass ich nur mein Körper ist.
Ich habe aufgehört zu denken, dass mein Körper mich ausmacht.
Wenn mir ein Bein fehlt, bin ich immer noch ich. Es macht für mein Denken nichts aus, dass ein Stück Körper fehlt. Ich kann nicht mehr handeln, mich nicht mehr verhalten, wie ich es mit Bein tun würde, aber es ist im Grunde genommen nicht wichtig, dass ich alle Gliedmaßen behalte.
Das stimmt so aber nun auch nicht ganz.
Beinlosigkeit würde auf lange Sicht mein Denken sehr einschränken. Oder sagen wir verändern.
Meine Seele würde jetzt nicht mehr für meinen ganzen Körper denken. Nur noch für einen Körper ohne Beine.

Manche Menschen denken so viel an ihren Körper, definieren sich über ihn während sie ihn definieren, verändern ihn mit Messern oder Gabeln so lange, bis er mit ihrem Körpergefühl zusammenpasst. Meistens werden sie nie zufrieden. Aber sie sind immer -ganz nah dran. Nur noch das. Nur noch dieses letzte Bisschen. Nur noch diese eine kleine Sache, dann bin ich so, wie ich sein will.-
Da ist es dann auch nicht ihr Körper, der noch dünner, noch muskulöser werden will, sondern ihr Kopf, der sagt, dass er nicht zufrieden ist, bevor der Körper nicht perfekt zu ihm passt.
In diesem Fall weiß der Kopf oft nicht, wie der Körper aussehen soll. Zwischenzeitlich hat der Mensch dann ein klares Bild, was er will. Ist das erfüllt, so erkennt er weitere Fehler.
Das Problem:
Perfektion gibt’s nich.
Is so.
Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat, aber damals gab es vermutlich noch keine Ganzkörperscans, keine Mikroskope, keine Neurologen. Keine Wissenschaften. Nichts ist immer wirklich perfekt.
Doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Körper.
Mein Körper. Ich fühle mich zu klein für meinen Körper.
Neulich ist mir klar geworden warum. Und das klingt jetzt komisch, aber ich habe mein Denken gefühlt. Vermutlich ist das nur eine Illusion, denn im Kopf passiert ja das Denken, Wellen, Synapsen, Impulse und Zeugs.
Aber es hat sich halt einfach richtig angefühlt.
Ich habe gefühlt, wo in meinem Körper ich was denke.
Letztendlich ist mein Körper nur die Sackkarre der Seele. Er ist einfach nur ein Gefäß, außen hart und innen hohl- sehr gut um da drin zu wohnen. So… für immer?

Mein Körper verändert sich aufgrund eines evolutionsteschnischen Bauplans, meine Seele hat sich in Wechselwirkung mit ihm, aber trotzdem selbstständig, entwickelt.