Verholzung

Ein Grashalm sprießt aus meiner Handfläche, der kleine Spross kitzelt auf der Haut und im Innern der Hand. Ich hauche ihn an. Kohlenstofdioxid ist doch gut für kleine Pflänzchen… Ich beginne durch den Wald zu schlendern. Die Äste knacken unter meinen nackten Füßen, fühlen sich aber weich und angenehm an. Aus dem Spross ist mittlerweile eine richtige Blume geworden, die Wurzeln reichen jetzt bis in meinen Unterarm hinein und ein taubes Gefühl beginnt sich auszubreiten. Die Wurzeln zeichnen ein filigranes Muster unter die Oberfläche meines linken unterarms. Fast Wie kleine Äderchen.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee, die Zaubersamen in meiner Faust zu behalten, und nicht in einem Seidesäckchen zu trasportieren, so wie es mir der Verkäufer verklickern wollte. Eigensinniges Hirngespinnst, das du bist, Plus!
Apropos Hirngespinnst… Die Pflanze krallt sich in mein Fleisch und so wie ich das sehe wird meine Haut bald reißen, wenn die Wurzeln noch dicker werden. So langsam bekomme ich leichte Panik. Was passiert, wenn das nicht mehr aufhört zu wachsen?! Und warum wächst das überhaupt in meinem Körper?
Ich meine ich tippe das ganze hier auf meinem Handy, in zwischen nur noch einhändig, weil mein anderer Arm nutzlos zur seite angewinkelt, absteht.
Ich war zwar immer Naturverbunden, aber doch nicht SO!
Also was tun?
Okay, ich hab noch mein Feuerzeug. Griff in die Tasche… suchen… nein-das ist ein Radiergummie-das ist auch was anderes… das sollte garnicht- ah! Da ist es. Anschnippsten und die magische Macht der Flamme kokelt ein paar Blätter der wild gewordenen Flora auf meiner Hand an.
Nützt nich viel.
Verdammt. Was anderes tun.
Die Wurzeln haben meinen Arm jetzt komplett verholzt. Ich kann ihn nicht mehr bewegen. Jetzt ist es vorbei mit leben, leben lassen hat gesiegt… och menno. In nem Wald verrecken, weil man zum Baum wird, da hab ich mir besserere Tode vorgestellt damals als ich mir gewünscht habe zu sterben.
Nun ja, Angst vor dem Nichts hatte ich nie. Ich kann ja wenigstens ein hübscher Baum sein! Ich üsste mir ein hübsches Plätzchen suchen, wo ich, als Menschbaum, so richtig zur Geltung komme. Ich könnte mich auch auf einen anderen Baum draufsetzen. Das sähe estimmt cool aus. Aber mit meinem Hölzernen linken Arm kann man nicht so gut klettern.
Die Braunen Ranken breiten sich jetzt über meinen Bauch aus. Über meine Hüften und langsam greifen sie auch meine Beine an und machen das laufen immer schwerer.
Ein Lichtstrahl dringt durch die Bäume- warte mal, ist da vorne der Wald zuende? Ja, tatsächlich er hört einfach auf.. Ich versuche darauf zuzurennen.
Die Böschung rauf. Auf den grasbewachsenen Hügel, der mir noch die Sicht versperrt.

Plötzlich breitet sich die ganze Welt vor mir aus. Ich kann von hier aus sogar das Meer sehen. Links versinken die Berge im Wasser, vor mir eine riesige Ebene. Grün, Felder, Flüsse, Wälder, Seeen. Die Sonne verbrennt sich am Wasser und stirbt ihren täglichen Tod. Die Ärmste. Dichte Lichtverästelungen vor mir deuten auf Städte hin.
Es ist wunderschön. Die Welt ist wunderschön.
Inzwischen hat der Niedliche Setzling sich in ein sehr, sehr schweres Baummonster verwandelt, der Einzige Grund, warum ich es halten kann, und mein Arm nicht zu Boden gerissen wird, ist das die Verholzung sich jetzt auch auf meine Beine bezieht. Mein Linkes Bein ist absolut zum Holzbein mutiert, ich versuche mit dem Rechten ein paar posen, schließlich werde ich so die nächsten hundert Jahre stehen. Das sollte bequem sein.
Die Wurzeln haben meinen linken Arm bissher in Ruhe gelassen, aber jetzt greifen sie ihn auch an. Sie wachsen jetzt nicht mehr nur vom originalen Samenkorn aus, sondern gehen auch von Seitenästchen ab. Ich sehen an mir herunter. Kurz frage ich mich, wie das passieren konnte..
Dann bemerke ich die Holzfingerchen unter der Haut an meinem Nacken, wie sie um meine Wirbelsäule ranken. Das Atmen fällt jetzt immer schwerer. Meine Beine sind aus Holz, meine Oberkörper wird zunehmend Gefühllos, mein Linker Arm ist ein Ast, gruselig, fühlt sich an als würde ich schweben, so ganz ohne Gliedmaßen. Ich glaube, ich ersticke. Dann strecke mein Arm in Model-pose über mir in die Höhe. So werde ich mein restliches Baumleben verbringen. Mit dem Handy in der Hand, auf einem Hügel, an einem Ort an dem man Meer und Berge und Sonne+ sehen kann, an einem Ort, an dem man hofft, dass die Aliens landen, weil er die Erde von seinen besten Seite zeigt.

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Kurz darauf kam ein junger Stundent den Hügel hoch, und bewunderte den Vollzug des letzten Stadiums der Verholzung. Freundlicherweise drückte er auf posten, bevor er ein Selfie mit der Baumfrau machte und zu einer regionalen Berühmtheit wurde.
Danke, aus dem Jehnseits, Fremder.

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Straßenmann Kapitel 1 •Magret•

Ein schmaler Lichtstrahl schleicht sich durch die Wellblechplatte, die zum Dach umfunktioniert wurde. Die Wellblechpappenplatte ist nicht das einzige an diesem Haus, das nicht besonders geeignet für den Hausbau scheint. Glasplatten reihen sich an stümperhaft zusammengenagelte Bretter, Dreck und Abfall sind in Ritzen gestopft um Regen abzuhalten. Das ganze wird mit Klebeband, Schnur und Wasauchimmergeradedawar zusammengehalten. Eigentlich ist es gar kein richtiges Haus. Es ist eher eine art Unterstand, keine Bude, kein Verschlag. Im Grunde nur ein Platz, den irgendjemand versucht hat trocken zu halten. Alles in allem ist dieser Schrotthaufen nichts in dem man sich vorstellen könnte, einen Menschen zu finden, der diesen Ort als sein Heim betrachtet. Doch genau das ist natürlich der Fall. Am Ende einer langen dunklen Gasse, in einer großen Britischen Stadt sitzt eine kleine verhutzelte Seele in einem alten Ohrensessel. Bei nährerem hinsehen erkennt man, dass sie wohl als Mädchen geboren wurde, doch jetzt macht es kein Unterschied mehr, ob sie mal Frau oder Mann war, sie hat die Eigenschaften des Staubes und der Stadt angenommen. Sie blinzelt in den grauen Morgen, und freut sich ein wenig über das bisschen Licht, dass durch ihren Regen-, Sonne-, oder Hitzeschutz-haufen dringt und ihren geliebten Sessel bescheint.Weiterlesen »